Die Regeneration des Plattenepithels

  • Published on
    13-Aug-2016

  • View
    212

  • Download
    0

Embed Size (px)

Transcript

<ul><li><p>X. </p><p>Die Regeneration des Plattenepithels. Yon </p><p>:E. I~lebs. </p><p>(Hierzu Tafe] I. u. II.) </p><p>Die regenerativcn Vorg'iinge an den Geweben, welche die In- tegritat des verletzten Organismus herzustellen streben, stellen eine Reihe dar, welche so recht geeignet ist, diejenige Seite der patho- logischen Processe~ welche cellul~irer Natur ist, zu belcuchten, und aus diesem Grunde ha.ben sich in der Neuzeit eine grosse Reihe yon Forschern der Untersuehung zugewandt, um an denselben die Grund- lage der celluli~ren Theorie zu prtifen. Wenn nun auch nieht zu verkennen ist~ dass die Erwerbungen tier neueren Zeit auf patholo- gischem Gebiet die aussehliessliche Herrschaft der cellularen Kri~ite besehr~inken, ihre Wirksamkeit gleichsam in die zweite Reihe zu versetzen traehteu, so ist doch eben so zweifellos, dass die ,reactive" Thi~tigkeit des Organismus auf Krifften beruht, welche innerhalb der Elementarorganismen th~ttig sind und~ einmal erschSpft, sieh durch Aufnahme yon Nahrungsstoffen wieder ergi~nzen. </p><p>Die wichtigste Frage, welche sieh bei der Beobachtung dieser Yorgiinge aufwirft~ betrifft die Entstehungsweise der jungen Elemente, welehe den irgendwie entstandenen Substanzverlust auszuflillen be- stimmt sind. Wahrend naeh der Meinung der frtiheren diesen Gegenstand histolog-iseh verfolgenden Forscher im Sinne S e h w a n n' s eine flfissige, aus den Blutgefitssen transsudirte Substanz das Material ftir die Zellbildung liefern sollt% stellte am schiirfsten V i rchow den Satz yon der legitimen Succession der Zellen auf, naeh welehem die junge Zelle aus der Theilung einer frtiher vorhandenen, der Mutterzelle~ hervorg'eht. Zugleich wurden genauere Angaben fiber diesen Theilungsprocess gemacht~ die im Wesentlichen fiberein- </p></li><li><p>126 X. E. KLE~s </p><p>stimmten mit den Vorg~ngen, welche man bei der Zellbildung im Ei beobachtet zu haben glaubte: zuerst Theilung des Kernk~rper- chens, dann des Kerns, endlieh der ganzen Zelle. </p><p>Es ist ganz unzweit~lhaft, dass ohne diese bedeutsame Lehre die gauze gegenw~irtige Entwicklung der Histogenese unmSglich ge- wesen w~re~ dass namentlieh ftir die pathologisehe Entwicklungs- gesehiehte dieselbe den entscheidenden Wendepunkt darstellte; dean erst auf Grund derselben war es mSglich~ die einzelnen, so diffe- renten pathologisehen Neubildungen zu ihrer Quelle zurUckzuver- fblgen und die Eigenschaften derselben aus ihrem Ursprung zu erkl~ren. </p><p>V i rehow hatte freilich in seiner Cellularpathologie und Ge- schwulstlehre das Bindegewebe als den allgemeinen Mutterboden der Geschwtilste bezeiehnet~ indess bald trat hiergegen eine ent- </p><p>sehiedene Opposition auf, welche, gesttitzt auf die neueren Fort- schritte der normalen Entwicklunffsgeschichte, die scbarfb Trennung" der einzelnen Hauptgrappen der Gewebe nach ihrer Abstammun~ yon den verschiedenen Keimbl~ttteru aueh fiir alle pathologischen Processe behauptete. Wahrend Waldeyer diese Ansehauung na- mentlieh f~r die Carcinome auf alas Sch~trf~te durchzuftihren suchte und die bekannten pathologischen Charaktere dieser Neubildung auf eiu abnormes Auswachsen des Epithels zurackfithren wollte, babe ich, obwohl im Mlgemcinen yon der Richtigkeit der lcgitimen Succession der Gewebe iiberzeugt, gerade ftir die Carcinome eine Ausnahmestellung einzunehmen fttr nSthig, gehalten, da einmal ein directes Hineinwaebsen wuchernden Epithels in die bindegewcbige Grundsubstanz bei Carcinomen nicht immer stattfindet and anderer- seits Gin Untergehen der zelligeu Elemente des Bindegewebes night nachgewiesen werden konnte. </p><p>Neuerdings hat nun Waldeyer* ) eine sehr wichtige Beob- aehtung gemacht~ welebe wohl geeig'net ist, auf die diseontinuirliche Entwiekelung der eareinomat~s entarteten Epithelien ein neues Licht zu werfen; er land namliGh in ffisch nach tier Exstirpation unter- suchten Careinomen bewegliche Zellen, welche durch ihre GrSsse und Gestalt yon Lymphk~rperchen sich nntersehieden und yon ihm als junge Epithehellen betraehtet warden. Er kniipfte daran die Vermuthung, dass diese Elemente bei Operationen eine eareinoma- tSse Wundinfeetion herbeifiihren mSehten und empfiehlt in der far </p><p>*) CarmMt: Yirchow's Archly B. 55 undVolkmann's Sammlung Minischer u Langsame Bewegungen der vorwachsenden Epithelzellen sah auch Heiberg, Wien. reed. Jahrb. 1871. </p></li><li><p>Regeneration des Plattenepithels. 127 </p><p>ein grSsseres ~trztliches Publicum berechneten Abhandlung Maass- xegeln, um diese Eventualiti~t zu vermeiden. </p><p>Es ist hier nicht der Ort, auf diese Frage, welehe mit der Ursaehe und Uebertragung der Careinome zusammenhiingt, welter einzugehen, nur sei bemerkt, dass diese an und fiir sich gewiss nicht zurtiekzuweisende Art der Infection doeh wenig Wahrsehein- liehkeit fiir sich hat~ da naeh Exstirpatiou yon Careinomen nur sehr selten in der Wundfli~ehe selbst zuerst die Reeidive auftreten, es miisste dean geradezu im erkrankten Gewebe operirt sein. Wo z. B. bei Mamma-Careinomen eine Adaptation der Wundri~nder mSglieh ist, eriblgt die Heilung mit linearer Narbe, neben welcher dann erst seeund~re KnStchen entstehen. Ich glaube daher, dass diese Red- dive yon Carcinomnetern herrtihren, welehe sehon vorher in dem die Gesehwulst umgebenden Gewebe eingesehlossen waren. </p><p>Leider fehlt nun der wiehtigen Entdeekung yon Waldeyer eine genauere Angabe der beobaehteten VerhNtnisse und damit, so wahrseheinlieh aueh die Deutung ist, eine vollsti~ndige wissensehat~- liehe Sieherung derselben. Jedenfalls ergab sigh hieraus dis Noth- wendigkeit einer erneuten Inangriffnahme des Gegenstandes und die Auf)abe, ttberhaupt tief~re Einsieht in das Zsllenleben der Epithel- gebilde zu gewinnen. </p><p>Aber aneh yon anderer Seite, und z. Th. sehon 5"tther, war dis Epithelbildung zmn Gegenstand eingehender Studien gemaeht worden, welehe zu theilweise widerspreehenden Resultaten geftihrt hatten. Hier hatte die sehSne Entdeekung Reverd in ' s yon der leiehtsn Transplantationsfahigkeit reiner Epithe!lappen den Anstoss zur wei- teren, experimentellen Forsehung gegeben, welehe nothwendiger Weiss die wiehtigsten Fragen der Histogeness bsrUhren musste. </p><p>J. A rno ld hart% speeiell an die Reverd in 'sehs Transplan- tation ankntipf'end, die Frage 15sen wo!len, ob bei der Usberh~tutung yon Wundflrtehen die Epithelbildung stets nut yore Rande her be- ginnt, und glaubte gefunden zu haben, dass anf grossen Wundfl~ehen aueh naeh der sorgfNtigsten und wiederholtsn Exstirpation des Wundrandes dennoeh Epithelinseln gebildet werden kSnnen, w~hrend gleiehartige, yon Heine (damals ebenfalls in Heidelberg) ange- stellte Versuehe das entgegengesetzte Resultat ergaben, So ergab alas Experiment, wie so h~nfig, durehaus widerspreehende Resultate; allein es ist Mar, dass die grSssere Wahrseheinliehkeit den nega- tiven Erfolgen des letzteren Forsehers zngesproehen und ange- nommen werden muss, dass A r n o 1 d nieht sorgfNtig genug die itingsten AuswUehse des Randepithels entfernt hatte, welehe eben </p></li><li><p>12S X. E. KLE~s </p><p>mikroskopisch vollkonlmen unsichtbar sind. Andererseits ist es abet auch sehr interessant~ aus diesem Versuche zu erfahren, dass die so zarten Abk(immlinge des haarbildenden Hautepithels auch auf einem fremden Boden~ der granulirenden Galea aponem'otica, alle Elemente des Hautepithels mit Einschluss der Haare, Haarb:,tlge und Talgdrtisen erzeugen kSnnen. </p><p>J, Arno ld*) beschritt nun einen anderen Weg, die Epithel- regeneration zu studiren, welcher vor dem vorher eingeschlagenen den Vorzug besass, Schritt flir Schritt den Vorgang verfolgen zu kSnnen: die mikroskopische Beobachtung am lebenden Thier. Die Resultate, wclche er hierbei erhielt, waren ii'eilich so abweichend yon den bisher itblichen Annahmen, dass seiner Arbeit nach kurzer Zeit yon einer ganzeri Reihe yon Forschern entschieden widerspro- chen wurde (Heiberg, Wadswor th -Eber th u. s. w.). A rno ld wollte n~imlich gesehen haben, dass yon dem Epithelrande kleiner Verletzungen ans eine Fltissigkeit yon dem Cbarakter des Proto- plasma sich tiber die Wundfi!iche ergSsse, in wclcher zuerst Kern- k~rperehen, dann um dieselben die Kerne ents~ehen, worauf endlieh eine Abtheiluffg der Masse in einzelne Zeilen stattfindet. Sehon 1870 ersehienen zwei Arbeiten, welche diesen Gegenstand betreffen, beide in Virchow's Archly B. 51. yon Wadswor th -Eber th und F. A. Hofmann. Die beiden ersteren Autoren haben an Silberbildern der Frosehcornea Resultate erlangt, welehe, soweit sie an todten 0bjecten gewonnen werden ktinnen, vollst~tndig im Sinne der nach- stebenden l~Iittheilungen gedeutet werden miissen. Mit Reeht sehliessen sie jede Betheiligung des Bindegewebes an dem Regenerationsvor- gang des Epithels aus, welehe Arno ld noch glaubte annehmen zu mtisse,i. Das Auswaehsen tier Randzellen, die freie KernkSrperchen- und Kembildung wird dagegen ebenfalls angenommen; aueh abge- ltiste junge Epithelzellen werden dargestellt (Fig. 6), ohne dass die Methode die Erkennung derselben als epithelialer Wanderzellen (s. u.) gestattete. </p><p>F. A. Hof fmann verneinte naeh Untersuehungen an dem- selben Object die Bedeutung der lymphatisehen Wanderzellen flit die Epithelregeneration und fand Epithelzellen mit Auswilehsen und junge Epithehellen zerstreut dutch die ganze Epitheldeeke der Cornea, wonaeh er das Vorsehieben des Epithelrandes nieht blos yon dem Auswaehsen der Randzellen ableitet. </p><p>*) Virchow's Arch. 46. Heller beobachtete ebenfalls am lebenden Thiere. (Habilitationsschrfft 1869)und spricht sich ftir Auswachsen der Epithehellen aus. </p></li><li><p>Regeneration des Plattenepithels. 129 </p><p>H ja lmar He iberg ver~ffentlichte ferner 1871 Untersuchungen tiber diesen Gegenstand, die in S t r i ck e r' s Laboratorium angestellt waren.*) Er suchte ausgeschnittene Frosehhornhaute durch Drainirung mit Serum lebendig zu erhalten uud fund so die unvollkommeuen, vorher schon erw~thnten Bewegungserseheinungen an den auswach- senden Epithelzellen. Das Auswachsen der letzteren geschieht in Zapfenibrm, Kerntheilungen kommen vor, aber aueh die yon A r n o 1 d beschriebenen gl~nzenden K~rner in dem auswachsenden Theile, deren Umwandlung in Kerne indess nieht beobaehtet werden konnte. </p><p>Noch n~her kam den unten zu besprechenden Verhgltnissen A. He l le r in einer kleinen Mittheilug tiber epithelial~n Eiter**)~ in denen es ihm gelang~ in kleinen Eiterherden~ clue slch in Folge oberflgchlicher Verletzungen gebildet batten, freie Zellen auf~ufinden, welche in Bezug auf GrSsse nnd Gestalt yon den LymphkSrperchen und Eiterzellen wesentlich abweichen und als junge losgelSste Epi- thelien aufgefasst werden. Bewegungserscheinungen wurden an den- selben nicht beobaehtet. Dagegen schei~t er sehon in der obeu er- wahnten tIabilitationsarbeit bewegliche junge Epithelzellen gesehen zu haben, ohue tiber deren Herkuni~ Bestimmteres ermitteln zu kSnnen, nur scheint er nicht geneigt, dieselben yon den lymphatischen Wanderzellen abzuleiten. </p><p>An den letzteren Punkt kntipf~ nun B i e sia d e c k i an, weleher, nachdem schon F. Fagensteeher 1868 Aehnliches in der abge- storbenen Haut wollte beobachtet haben~ auf Grund der Beobaehtung am lebenden Gewebe die Betheiligung lymphoider Kbrper an der Epithelneubildung behauptete.***) Die Epitheldefecte wurden durch Collodium cantharidatum erzielt und die Beobaehtung an curarisirten Thieren lgngere Zeit fbrtgesetzt. Die mit grosser Sorgfalt ange- stellten Versuche leiden an dem Fehler zu tier greifender Reizung, durch welche eben eine reiehliche Answanderung lymphoider Zellea bewirkt wurde; da weiterhin gezeigt werden wird, dass diese Aus- wanderung ganzlich verhindert werden kann, ohne dass der Vorgang der Epithelregeneration gestSrt wird, bedaff es keiner weiteren Analyse derjenigen Beobachtungen, durch welehe die lymphatische Natur der jungen Epithelien nachgewiesen werden sollte. </p><p>Die Wiehtigkeit der yon J. A r n o 1 d gemaehten Angaben, welche geradezu eine Reform der Theorie der Zellbildung in Aussicht stellten, </p><p>*) Wiener med. Jahrb. 1871 S. 7. **) Sitzungsberichte der phys.-reed. Societ~t zu Erlangen. 6. Mai 1872. </p><p>***) Wien. Sitzber. 71 u. Untersuchungen aus dem path.-anat. Institute in Krakau. 1872. S. 60. </p></li><li><p>130 X. E. KLaBS </p><p>i~tlls sic sich bewahrheiteten, waren Grund genug fiir reich, sofort nach dcm Erscheinen dieser Arbeit den Gegenstand zu untersuchen~ dessert vSllige Aufkliirung eine nothwendige Vorarbeit far die Ent- wickelungsgeschichte der Carcinome sein musste~ welche ieh seit dem Beginn mciner Studien als eine Hauptauigabe der pathologi- schen Forschung betrachtet hatte und zu ftirdern bestrebt gewesen war. </p><p>Bis dahin war die Entwickelung pathologischer Processe nur selten am lebenden Thiere beobachtet worden, die Sehwierigkeiten einer solchen Beobachtung daher nut wenig bekannt. Der Cohn- h elm'sche Versueh am Mesenterium des Frosches war dureh dig Zartheit d~s Gewebes and den geringen Reiehthum desselben an protoplasmatischen Gebilden besonders begtinstigt. FUr das Platten- epithel, welches ich zunitchst zum Gegenstande der Untersuchung machen wollte, schien mir dig Schwimmhaut des Frosches geeignet zu sein and hat sich mir auch in langen Jahren, durch welche diese Untersuchungen sieh hinzogen, bewiihrt, gegenUber den far das Bindegewebe und seine Einschltisse so vortreittiehen Froschlarven nnd jungen Forellen, welche letzteren ich in Wtirzburg dutch die Gtite des Herrn Ka iser in Kissingen erhielt. Spi~ter hoffe ich die- selben an durchscheinenden Meerthieren vervollstandigen zu k(innen. Die Sehwierigkeit liegt, wie schon angedeutet, in der eigenthUm- lichen Beschaffenheit des glasigen, das Licht in seinem Innern viel/hch dispergirenden Protoplasma, dutch welches die eingeschlos- senen Theile vollkommen unsichtbar werdcn. Es kSnnte dahcr sehr wohl m~glich seinl dass die homogene BesehaffenhGit der Arnold ' - schen epithelbildenden Substanz nur yon dieser Eigenschaft herriihrt. In der That schienen mir auch die ersten, noch in Bern (1869) an- g'estellten Versuche die gleichen Resultate zu ergeben, wig siG A r n o 1 d erhalten hatte. Ich konnte mit Leichtigkeit an der Schwimm- haut leicht curarisirter FrSsche yon dem Epithelrande kleiner Ver- letzungen aus diese feinkiirnige Masse mit ebenem Rande vordringea sehn. Dieselbe schloss Fremdk6rpGr und rothe BlutkSrperchen, denen sic begegnete, nach Art einer ziihflUssigen Masse sin, indem sic erst sich an ihren Seiten mit abgerundetem Rande vorschob, um schliesslich am entgegengesetzten Ende wieder zusammenzufliessen. Auch glanzende KSrner sah ich auflreten und scheinbar plStzlich gebildete, blaschenartige Kerne um dieselben auftauchen. </p><p>So babe ich kleine Verletzungen, welche ich zuerst (lurch Ab- reissen der Epithelschicht yon Giner kleinen, mit feiner Scheere gemachten Einkerbung aus herstellte, bis zn ihrer vollsti~ndigen Ver- narbung fast eontinuirlieh verfolgen kSnnen. Nichts desto weniger </p></li><li><p>Regeneration des Plattenepithels. 131 </p><p>schieu mir die Beobachtung, namentlieh in Bezug auf die Entstehung der Kerne nieht hinreiehend g'esiehert zu sein, da ieh den u der alten Zellkerne durcbaus nieht verfolgen konnte. </p><p>Erst weitere, in jedem 3...</p></li></ul>